Weibliche Stadtverordnete in Halberstadt
Halberstadt ist eine der ältesten Städte der Region; ihre Bedeutung geht auf ihre Geschichte als mittelalterliche Domstadt und Handelszentrum zurück. Im 19. Jahrhundert erfolgte die Industrialisierung mit der Ansiedelung von Maschinen- und Eisenbahnenfabriken sowie Produktionsstätten für Lebensmittel und Konsumgüter. Hierdurch wurde Halberstadt auch ein Zentrum der Arbeiterbewegung. In den 1860er Jahren wurde der erste Arbeiterverein gegründet. Der Widerstreit zwischen bürgerlichen und proletarischen Kräften prägte auch die Weimarer Jahre der Stadt Halberstadt. Diese gehörte mit rund 41.000 Einwohner:innen (im Jahr 1925) zu den größten Städten im Regierungsbezirk Magdeburg der Preußischen Provinz Sachsen. Halberstadt war ein Stadtkreis und Verwaltungssitz des ihn umgebenden Landkreises Halberstadt.
Stadtverordnetenwahl 1919
Für die erste Weimarer Stadtverordnetenwahl in Halberstadt kandidierten auf drei Listen insgesamt zehn Frauen. Drei davon zogen in das Parlament ein. Die bürgerliche Liste „Bürgerrat“ hatte „Fräulein“ Elsbeth Schambach auf dem aussichtsreichen Platz 10 aufgestellt; dahinter noch eine Ehefrau eines Professors, eine Geschäftsinhaberin und eine Lehrerin. Die Listen der Unabhängigen Sozialdemokraten (USPD) und der Sozialdemokraten (SPD) gingen mit jeweils drei aufgestellten Frauen in die Wahl. Für die USPD kandidierten auf Platz 5 Lina Philipp, auf Platz 11 Therese Hechler und auf Platz 15 Anna Wende. Für die SPD standen auf Platz 6 Minna Bollmann, auf Platz 27 Hedwig Schorling und auf Platz 35 die Buchhalterin „Fräulein“ Anna Riese zur Wahl. Die jeweils bestplatzierten Frauen Elsbeth Schambach (Bürgerrat), Lina Philipp (USPD) und Minna Bollmann (SPD) zogen in das Stadtparlament ein, in dem die SPD mit 20 von 32 Sitzen die absolute Mehrheit errang. Die Bürgerlichen holten 16 Sitze, die USPD sechs. Der Frauenanteil lag nach dieser ersten Wahl bei bemerkenswerten 9,4 % – ein im Vergleich mit anderen Städten dieser Größe hoher Wert. Im März 1921 rückte Anna Riese (SPD) ins Stadtparlament nach.
Stadtverordnetenwahl 1924
Anders als in vielen anderen Städten wurde in Halberstadt die Stadtverordnetenversammlung aufgrund von Eingemeindungen vergrößert. 1924 standen 40 Stadtverordnetensitze zur Wahl. Die Kandidierendenlisten sind nicht vollständig bekannt, im Ergebnis zogen vier Frauen direkt ins Stadtparlament ein; erneut die Sozialdemokratin Minna Bollmann, die Bürgerlichen Elsbeth Schambach und Klara Schneising sowie die Kommunistin Lina Philipp. Im August 1924 rückte außerdem Therese Hechler für die KPD nach. Im Gesamtergebnis verlor die SPD fast die Hälfte ihrer Mandate und erhielt nur noch elf Stadtverordnetensitze. Der Bürgerblock wurde mit 18 Sitzen Wahlsieger, verpasste allerdings die absolute Mehrheit. Die weiteren Sitze gingen an die KPD (4), die Bürgerliche Wirtschaftsliste (3), das Zentrum (1), die Liste der Mieter (2) und den Völkisch-sozialen Freiheitsblock (1). Die Kräfteverhältnisse im Stadtparlament hatten sich somit deutlich verschoben; die Arbeiterparteien hatten ihre Mehrheit eingebüßt. Der Frauenanteil lag mit den vier direkt gewählten Frauen bei 10 % und steigerte sich mit dem Nachrücken von Therese Hechler auf 12,5 %. Dieses Stadtparlament bestand so jedoch nur bis zur Neuwahl am 10. Mai 1925, da die Wahl von 1924 wegen Unregelmäßigkeiten für ungültig erklärt wurde.
Stadtverordnetenwahl 1925
Mit der Neuwahl am 10. Mai 1925 sank der Frauenanteil signifikant auf 5 %. Nur noch Minna Bollmann und Elsbeth Schambach gewannen erneut ein Mandat, da sie die jeweils bestplatzierten Frauen auf ihren politischen Listen waren. Der "Bürgerblock" konnte mit 23 Sitzen die absolute Mehrheit auf sich vereinigen, zweitstärkste Kraft wurde die SPD mit 14 Sitzen, es kamen noch zwei kommunistische Mandate hinzu sowie ein Sitz für die Zentrumspartei.
Stadtverordnetenwahl 1929
Nach der Wahl am 17. November 1929 stieg der Frauenanteil auf 7,5 %, nachdem neben der Sozialdemokratin Minna Bollmann und der Bürgerlichen Elsbeth Schambach, die zum vierten Mal in Folge gewählt wurden, auch wieder eine Kommunistin ein Mandat erhielt: Die Arbeiterin Luise Meyer hatte auf dem dritten Listenplatz der KPD gestanden. Der Bürgerblock gewann die Wahl mit 18 Sitzen, gefolgt von der SPD mit 15. Die übrigen Sitze verteilten sich auf die KPD (3), Zentrum (1), Gruppe der Mitte (1) und die NSDAP, die erstmalig mit zwei Mandaten im Halberstädter Stadtparlament vertreten war. Im Dezember 1932 rückte Elisabeth Kahmann für die KPD nach.
In dieser Wahlperiode wurde erstmals - soweit bekannt - eine Frau zur (unbesoldeten) Stadträtin in Halberstadt gewählt. Die Sozialdemokratin Helene Grunwald wurde Ende Oktober 1932 in ihr Amt eingeführt. In den in diesem Forschungsprojekt untersuchten Städten erreichte nach derzeitigem Kenntnisstand neben Helene Grundwald nur noch die Sozialdemokratin Lisa Bader aus Magdeburg die Position eines gewählten weiblichen Magistratsmitglieds. Der Magistrat bestand aus dem Bürgermeister und gewählten besoldeten und unbesoldeten Beigeordneten und war das oberste städtische Gremium, dem die gesamte Verwaltung unterstand.
Stadtverordnetenwahl 1933
Zur letzten Stadtverordnetenwahl am 12. März 1933, die unter dem Eindruck der politischen Repressionen gegen politische Gegner:innen des Nationalsozialismus stand, kandidierte eine große Anzahl von Frauen für die Arbeiterparteien: Für die SPD waren es zwei Frauen, für die KPD sogar fünf Frauen, was ein Viertel aller kommunistischen Kandidierenden ausmachte. Auch für die Zentrumspartei kandidierte eine Frau und für die rechtsradikale Kampffront Schwarz-Weiß-Rot zwei Frauen. Die langjährigen Stadtverordneten Minna Bollmann (SPD) und Elsbeth Schambach (Bürgerliche) hatten sich zurückgezogen und standen nicht auf ihren bisher üblichen hohen Listenplätzen. Die NSDAP siegte mit großem Abstand (19 Sitze), unterstützt durch die rechtsradikale Kampffront Schwarz-Weiß-Rot mit sechs Sitzen. Die SPD erhielt noch zehn Sitze und die KPD vier. Es zog offiziell nur eine Frau ins Stadtparlament ein; die Kommunistin Elisabeth Kahmann. Die kommunistischen Mandate wurden jedoch noch im März wieder aberkannt, und die massive Verfolgung der politischen Gegner:innen spitzte sich zu. Elisabeth Kahman wurde, so wie zahlreiche ihrer männlichen Mitstreiter, noch im März 1933 in sogenannte Schutzhaft genommen, um sie politisch auszuschalten.

Quellen: Stadtarchiv Halberstadt: Mag 2.20.628, Mag. 2.20.630, Mag. 2.20.663, Mag. 2.20.675 Protokollbücher der Stadtverordnetenversammlung 1919-1933; Mag. 2.20.424 Stadtverordnetenwahl 1929; Halberstädter Tageblatt: 06.05.1924, 1. Beilage, S. 1; 08.08.1924, 1. Beilage, S. 1; 19.11.1929, 1. Beilage, S. 1; 02.03.1933, S.3; 13.03.1933, 1. Beilage, S. 1; Halberstädter Zeitung: 12.05.1925, 1. Beilage S. 1; Detlef Eckert: Halberstadt im Revolutionsfieber, Teil 2, in: Zwischen Harz und Bruch - Aus Geschichte und Natur für Halberstadt und Umgebung, Heft 96, September 2019, S. 19-23.
