Hallischer Frauenbildungsverein
Der Frauenbildungsverein Halle a.S. wurde als "Hallescher Frauenverein für Frauenerwerb und Frauenbildung" im Jahr 1900 als Ortsgruppe des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins (ADF) gegründet. Eine Initiatorin und Gründungsmitglied war Dr. Agnes Gosche (1857-1928), die herausragende Persönlichkeiten der bürgerlichen Frauenbewegung in Halle. Sie saß dem Verein 28 Jahre vor und prägte seine Arbeit maßgeblich. Sie war außerdem im Vorstand des Hallischen Lehrerinnenvereins aktiv und leitete ab 1911 die neu gegründete Städtische Frauenschule, an der Frauen einen Berufsabschluss als Erzieherin und Jugendleiterin machen konnten.
Der Frauenbildungsverein war auf zwei Ebenen tätig. In seiner theoretischen Arbeit verbreitete er die progressiven Ideen der bürgerlichen Frauenbewegung und hielt hierfür Bildungsveranstaltungen wie Vortragsabende ab, zu denen hoch angesehene Aktivistinnen der Frauenbewegung eingeladen wurden, wie Helene Lange (1848-1930) und Henriette Goldschmidt (1825-1920).
In praktischer Hinsicht unterhielt der Verein unter anderem eine "Auskunftstelle für Frauenberufe und Bildungsmöglichkeiten", sowie einen Kindergarten und war in der sozialen Arbeit für Bedürftige tätig. 1910 bildete der Verein ein "kommunalpolitisches Komitee" zur politischen Bildung von Frauen und zielte darauf ab, diese für die Mitarbeit auf kommunalpolitischer Ebene zu bewegen. Außerdem stellte der Verein Anfragen bei der Stadt, die darauf abzielten, Frauen und Fraueninteressen in der Kommunalpolitik zu berücksichtigen. So setzte sich der Verein zum Beispiel für die Einrichtung des Amts einer Wohnungsinspektorin ein. Dieses wurde ab 1918 von Dr. Auguste Lange übernommen, die 1919 in die Stadtverordnetenversammlung gewählt wurde. Auch Hedwig Kathe, Marie Boltze, Irma Wolff und Franziska Hündorf, die später Stadtverordnete in Halle wurden, waren im Frauenbildungsverein engagiert.
Quellen:
- Lisa Albrecht-Dimitrowa: „Dr. phil. Agnes Gosche, 1857-1928“. In: Frauenleben – Frauenalltag – gestern und heute, in: Courage e.V. (Hg.): Hallenserinnen. Biografische Skizzen I, Halle/Saale 1995, S. 35-41
- Stadtarchiv Halle: N9 Nr. 69 a-g (Nachlass Agnes Gosche)
