Bürgerliche Frauenbewegung in der Region

Als Geburtsstunde für die sogenannte alte oder erste Frauenbewegung in Deutschland wird die Gründung des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins (ADF) 1865 in Leipzig begriffen. Seine Entstehung steht im Kontext der Demokratisierungsforderungen rund um die 1848er-Revolution. Die Mitglieder waren fast ausschließlich bürgerliche Frauen. Sie setzten sich für Frauen- und Mädchenbildung, berufsausbildende Angebote und Rechtsschutz von Frauen sowie für soziale Fürsorge ein. Es folgten auch auf städtischer Ebene zahlreiche Vereinsgründungen in diesem Feld. Zum größten Teil schlossen sich die bürgerlichen Frauenvereine unter dem 1894 gegründeten Dachverband Bund Deutscher Frauenvereine (BDF) zusammen. Dabei gab es unter den verschiedenen Ausrichtungen in der Frauenbewegung unter anderem Meinungsverschiedenheiten darüber, ob die Frauenbewegung das Wahlrecht für Frauen erzielen sollte.

Herausragende Persönlichkeiten der bürgerlichen Frauenbewegung in der Region sind die Lehrerin und Schulgründerin Agnes Gosche aus Halle und die Frauenrechtlerin Helene Schneidewin in Magdeburg. Sie gründeten oder mitgründeten zahlreiche Frauen-, Wohltätigkeits-, Bildungs- und Jugendschutz-Vereine. Agnes Gosche gründete in Halle auch die städtische Frauenschule und war 28 Jahre lang Vorsitzende des Hallischen Frauenbildungsvereins. Helene Schneidewin sorgte mit der Gründung des Frauenverbands für die Provinz Sachsen für ein regionales Netzwerk von Frauenrechtlerinnen.

Auch konservativ-nationalistisch eingestellte Frauen waren in Interessensvertretungen und Wohltätigkeitsvereinen tätig, zum Beispiel im Vaterländischen Frauenverein, der wichtige sozialfürsorgerische Aufgaben in den Städten übernahm, oder in den Hausfrauenvereinen sowie Vereinen für Kultur- und Bildungsaustausch unter bürgerlichen Frauen.

Die Strukturen der bürgerlichen Frauenvereine und die Erfahrungen der Frauen in den von ihnen aufgebauten fürsorgerischen Strukturen wurden zuerst im Ersten Weltkrieg maßgeblich als Kriegsunterstützung an der sogenannten „Heimatfront” genutzt, als sich alle großen Frauenvereine zum Nationalen Frauendienst zusammenschlossen. Zur Zeit der Weimarer Republik erfolgte die Integration dieser Fürsorge- und Bildungsstrukturen in Teilen in die städtischen Organisationen, sodass die engagierten Frauen in diesem kommunalpolitischen Feld mit ihrer Expertise tätig werden konnten.

 

Weitere Informationen:
- Dossier der Bundeszentrale für politische Bildung (2008): Frauenbewegung

Letzte Änderung: 24.01.2026 -
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