Weibliche Stadtverordnete in Merseburg
Die alte Domstadt Merseburg war von 1815 bis 1945 Hauptstadt des Regierungsbezirkes Merseburg in der Preußischen Provinz Sachsen. Seit 1895 tagte der Provinziallandtag, das Parlament der Provinz Sachsen, im Merseburger Ständehaus. Die Stadt Merseburg war seit 1921 ein eigener Stadtkreis und Verwaltungssitz des Kreises Merseburg. Sie war seit der Industrialisierung auch durch die in ihrer Nähe angesiedelten Chemiewerke geprägt. Diese gehörten zum Zentrum der von Kommunist:innen initiierten Märzunruhen zwischen 1921 und 1923, als sich unter anderem Arbeiter:innen in den Leunawerken verbarrikadierten. 1925 hatte Merseburg 25.700 Einwohner:innen.
Stadtverordnetenwahl 1919
Zur ersten Stadtverordnetenwahl am 2. März 1919 kandidierten zwölf Frauen auf fünf verschiedenen Listen. Zunächst erhielten drei ein Mandat; Magda Hoppstock und Frieda Koenen für die Unabhängige Sozialdemokratische Partei (USPD), die sich in Merseburg 1920 der Kommunistischen Partei (KPD) anschloss, und Anna Krieghoff für die Deutsche Demokratische Partei (DDP). Alle legten jedoch verfrüht ihr Mandat nieder. Im November 1919 rückte Lilli Haacke für die Deutschnationale Volkspartei (DNVP) ins Stadtparlament nach, Ida Scharch für die Sozialdemokratische Partei (SPD) im März 1920. Das Stadtparlament setzte sich aus 13 sozialistisch gesinnten USPD-Stadtverordneten, und 13 Demokrat:innen der DDP sowie 6 Nationalkonservative der DNVP und 3 Sozialdemokrat:innen zusammen. Ein Sitz ging außerdem an die Liste Mueller, die vermutlich auch dem bürgerlichen Spektrum angehörte. Der Frauenanteil nach Direktwahl (3 von 38 Sitzen) betrug etwa 8 Prozent.
Stadtverordnetenwahl 1924
Zur zweiten Stadtverordnetenwahl am 4. Mai 1924 kandidierten neun Frauen auf vier verschiedenen Listen. Drei weitere Listen stellten keine Frauen auf, bemerkenswerterweise auch die DDP, die noch 1919 vier Frauen nominiert hatte. Alle Frauen standen eher auf mittelmäßigen Listenplätzen, sodass im Ergebnis keine von ihnen ins Stadtparlament einzog, auch da sich die Sitzverteilung zur ersten Wahlperiode stark veränderte. Die am besten platzierte Antke Fiedler, auf Rang 6 der SPD-Liste, verpasste knapp den Einzug. Die SPD erhielt 5 Sitze, die KPD 8, die DNVP 5, die Deutsche Volkspartei 6 und die DDP 5 Sitze. Der Völkisch-soziale Block erhielt einen Sitz. Zwischen 1924 und 1929 rückte keine Frau mehr nach.
Stadtverordnetenwahl 1929
1929 kandidierten mehrere Frauen auf deutlich besseren Listenplätzen, sodass ihnen ein Einzug ins Stadtparlament gelang. Zuvorderst stellte die KPD ihre Kandidatinnen Rosa Volkmann (Platz 2) und Marie Krappmann (Platz 6) äußerst aussichtsreich auf. Auch Antke Fiedler für die SPD wurde auf Platz 5 etwas besser platziert. Für die Arbeiterparteien kandidierten jeweils zwei weitere Frauen, sowie auch für die liberale DDP. Für die rechtskonservativen DNVP und DVP kandidierte jeweils eine Frau, für die Wirtschaftspartei und die NSDAP keine. Die Nationalsozialisten zogen bei dieser Wahl erstmalig mit zwei Sitzen ins Merseburger Stadtparlament ein. Die meisten Sitze erhielt dieses Mal die SPD (8), gefolgt von der KPD (7). Die weiteren Sitze verteilten sich auf die DNVP, DVP und DDP mit jeweils 3 Sitzen, die Wirtschaftspartei erhielt 4. Der Frauenanteil lag bei 3 von 30 Sitzen für Frauen bei 10 Prozent, was für eine mittelgroße bis kleine Stadt wie Merseburg ein hoher Wert ist.
Stadtverordnetenwahl 1933
Zur Wahl am 12. März 1933 mobilisierte die KPD besonders viele Frauen, sechs Frauen kandidierten auf ungefähr jedem dritten Listenplatz der KPD-Liste. Drei kandidierten für die SPD, zwei weitere Frauen für das Zentrum und den Rentnerbund, die jedoch keine Sitze im Stadtparlament erhielten. Offiziell wurden Marie Krappmann (KPD) und Erna Hirsch (SPD) gewählt, da die KPD 5 und die SPD 7 Sitze erhielt. Die Arbeiterparteien wurden jedoch von den Nationalsozialisten, die mit 14 Sitzen Wahlsieger wurden - die Bürgerliche Einheitsliste und die rechtsradikale Kampffront Schwarz-Weiß-Rot hatten jeweils drei Sitze errungen - aus dem Stadtparlament herausgedrängt. Die kommunistischen Mandate wurden schon im März 1933 annulliert, die der SPD im Juni 1933.

Quellen:
- Stadtarchiv Merseburg: V (Bb) 42 Stadtverordnetenwahl 1919
- Amtsblatt der Stadt Merseburg
- Merseburger Korrespondent
- Merseburger Tageblatt
