Weibliche Stadtverordnete in Weißenfels
Weißenfels war als Industriestadt insbesondere von der Schuh- und Lebensmittelindustrie geprägt. Sie verfügte deswegen über eine starke Arbeiterschaft und war Schauplatz politischer Auseinandersetzungen insbesondere zu Beginn der 1920er Jahre. Die Stärke der Arbeiterparteien zeigt sich auch in den Ergebnissen der Kommunalwahlen zu Beginn der Weimarer Republik und in dem hohen Anteil weiblicher Kandidierender für das Stadtparlament aus der Sozialdemokratischen und Kommunistischen Partei. Weißenfels zählte als Stadtkreis im Jahr 1925 rund 36.700 Einwohner:innen. Die Stadt war auch Verwaltungssitz des Landkreises Weißenfels und gehört zu den mittelgroßen Städten in diesem Forschungsprojekt.
Stadtverordnetenwahl 1919
Zur ersten Stadtverordnetenwahl in Weißenfels am 23. Februar 1919 kandidierten insgesamt 19 Frauen auf allen vier Wahllisten. Die meisten Kandidatinnen stellten die Unabhängige Sozialdemokratische Partei (USPD) und die bürgerliche Liste Sprenger auf (jeweils sechs Frauen). Das Wahlergebnis verteilte sich wie folgt: Die USPD errang mit 19 Sitzen die Mehrheit, gefolgt von der Liste Sprenger mit 9 Sitzen, der Sozialdemokratischen Partei (SPD) mit 8 Sitzen und der bürgerlichen Liste Bach mit 6 Sitzen. Insgesamt wurden sechs Frauen in die 42-köpfige Stadtverordnetenversammlung gewählt, was einem Frauenanteil von 14,2 Prozent entsprach. Für eine mittelgroße Stadt wie Weißenfels ist das ein sehr hoher Wert. Weißenfels hatte damit 1919 den höchsten Frauenanteil in allen hier untersuchten Städten. Es zogen die Sozialdemokratin Emma Bach und die Bürgerliche Sophie Lorenz ins Stadtparlament ein, sowie vier Unabhängige Sozialdemokratinnen: Berta Leffler, Anna Zäuner, Emma Roßberger und Anna Brock. Im Laufe der Legislaturperiode kam es zu mehreren personellen Veränderungen. So rückte Sidonie Zirnstein (Liste Sprenger) im Oktober 1919 nach und legte ihr Mandat im November 1922 wieder nieder. Emma Roßberger (USPD) schied bereits 1920 aus dem Stadtparlament aus. Emma Dünkler (USPD) rückte 1923 nach. Auch Agnes Felber (DNVP) nahm seit 1921 ein Mandat über Nachrücken wahr, bevor sie es im Dezember 1923 wieder niederlegte.
Stadtverordnetenwahl 1924
Bei der zweiten Stadtverordnetenwahl am 4. Mai 1924 kandidierten mit acht Frauen die meisten für die Liste der Wirtschaftlichen Vereinigung, von denen jedoch keine ein Mandat errang. Jeweils fünf standen auf der Liste der SPD und der KPD. Davon zogen Rosa Galle (SPD) und Mia Bittel (KPD) direkt ins Stadtparlament ein. In einem politischen Umschwung erhielt die Bürgerliche Einheitsliste, die keine Frauen aufgestellt hatte, die Mehrheit mit 16 Sitzen. Die Wirtschaftliche Vereinigung erhielt drei Sitze, ebenso der rechtsradikale Völkisch-soziale Block. Die KPD erhielt noch neun Sitze, die SPD fünf. Der politische Umschwung hatte auch eine dramatische Verringerung des Frauenanteils zur Folge, der nun - bei einem auf 36 Sitze verkleinerten Parlament - nur noch bei 5,5 Prozent lag. Mia Bittel (KPD) legte ihr Mandat im Dezember 1924 nieder, für sie rückte Berta Leffler (KPD) ins Stadtparlament nach. Im November 1927 legten alle Stadtverordneten der SDP, KPD und Wirtschaftlichen Vereinigung in einer Protestaktion gegen den Ankauf eines Gutes durch die städtische Hand ihre Mandate nieder. Auf Geheiß der Provinzialregierung regierte das Stadtparlament trotzdem weiter, obwohl es nur noch mit 17 Stadtverordneten besetzt war.
Stadtverordnetenwahl 1929
Die nächste Stadtverordnetenwahl fand turnusgemäß am 17. November 1929 statt. Es kandidierten elf Frauen, jeweils vier für die SPD und die Bürgerliche Einheitsliste, drei für die KPD. Die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP), die erstmals bei der Kommunalwahl dabei war, stellte ebenso wie die Liste "Freie Fortschrittliche Vereinigung" keine Frauen auf. Es zogen mit Anna Knorr (SPD) und Johanna Wilde (KPD) zwei Frauen für die Arbeiterparteien ins Stadtparlament ein. Johanna Wilde legte im Januar 1931 ihr Mandat nieder, sodass zwischen 1931 und 1933 mit der Sozialdemokratin Anna Knorr nur noch eine Frau im Weißenfelser Stadtparlament vertreten war.
Stadtverordnetenwahl 1933
Die Wahllisten der Arbeiterparteien zur Stadtverordnetenwahl am 12. März 1933 sind nicht vollständig bekannt. Somit kann über die Anzahl der kandidierenden Frauen keine Aussage getroffen werden. Fest steht jedoch, dass die beiden bürgerlichen Listen "Freiheitliche Mitte" und "Bürgerliche Einheitsliste" keine Frau aufstellten. Die "Bürgerliche Einheitsliste" erhielt noch sechs Sitze im Stadtparlament, ebenso die Sozialdemokratische Partei (SPD), während die "Freiheitliche Mitte" leer ausging. Die NSDAP stellte aus ideologischen Gründen grundsätzlich keine Frauen auf. Sie gewann die Wahl deutlich, mit 16 Sitzen. Aus dem Wahlergebnis ist außerdem abzulesen, dass die Kommunistin Anna Klette auf Platz 5 der KPD-Liste gestanden hatte. Da die KPD offiziell 9 Sitze errang, erhielt auch Anna Klette ein Mandat, als einzige Frau. Die Kommunist:innen wurden jedoch noch im März 1933 aus politischen Gründen aus der Stadtverordnetenversammlung ausgeschlossen; eine Maßnahme der nationalsozialistischen Verfolgung politischer Gegner:innen.

Quellen:
- Stadtarchiv Weißenfels: A II 881 Wahlen zur Stadtverordnetenversammlung 1919; A II 882 Wahlen zur Stadtverordnetenversammlung 1924; A II 883 Wahlen zur Stadtverordnetenversammlung 1929; A II 884 die Stadtverordnetenwahl am 12. März 1933
- Weißenfelser Tageblatt
