Weibliche Stadtverordnete in Dessau

Dessau war die Landeshauptstadt des Freistaates Anhalt, der im Zuge der Novemberrevolution aus dem Herzogtum Anhalt hervorgegangen war. In den 1920er Jahren hatte Dessau über 70.000 Einwohner:innen. Der Freistaat Anhalt praktizierte einen anderen Wahlturnus als die Preußische Provinz Sachsen. Hier wurden die Stadtparlamente im Abstand von drei Jahren neu gewählt und hießen "Gemeindevertretungen". Zu Beginn der Weimarer Republik hatten die Parteien liberal-bürgerlicher Ausrichtung noch großen Erfolg in Dessau. Die gesellschaftspolitische Hinwendung zum Nationalsozialismus ist in den Wahlen Anfang der 1930er Jahre jedoch deutlich ablesbar und setzte sich auch auf Landesebene fort: Im Mai 1932 wurde als erster nationalsozialistischer Ministerpräsident eines Flächenlandes Alfred Freyberg (NSDAP) im Freistaat Anhalt gewählt.

Stadtverordnetenwahl 1919

Zur ersten Dessauer Stadtverordnetenwahl am 23. Februar 1919 kandidierten auf allen fünf Listen insgesamt fünfzehn Frauen, die meisten (allein fünf) für die Deutsche Demokratische Partei, aber auch die rechtskonservative Liste stellte vier Frauen auf, die SPD drei. Es gewann die Sozialdemokratische Partei (SPD) mit 17 von 36 Sitzen. Es folgte die Deutsche Demokratische Partei (DDP) mit 13 Sitzen; die anderen Parteien lagen mit ihren Anteilen deutlich darunter: die Unabhängigen Sozialdemokraten (USDP) mit einem Sitz, die Mittelstandspartei mit 2 Sitzen und die Deutschnationale Volkspartei (DNVP) mit 3 Sitzen.
Es errangen 5 Frauen ein Stadtverordnetenmandat: Von der rechtskonservativen DNVP Gertrud Mann, von der demokratisch-liberalen DDP Agnes Müller, Marie Poitzsch und Elise Schütze. Für die SPD rückte Melanie Reuter direkt ins Stadtparlament ein, Emilie Weber rückte für die SPD im November 1919 nach. Der Frauenanteil lag  bei 13,8 Prozent, was ein überdurchschnittlich hoher Wert ist.

Stadtverordnetenwahl 1921

Am 4. Dezember 1921 wurde in Dessau regulär ein neues Stadtparlament gewählt. Es kandidierten erneut mehrere Frauen - vierzehn auf sechs von sieben Listen. Aufgrund ihrer eher mittelmäßigen Platzierung gelang den meisten jedoch nicht der Einzug ins Stadtparlament. Die SPD büßte zwar Stimmenanteile ein, wurde jedoch immer noch Wahlsiegerin mit den meisten Mandaten: 13 von 36 Sitzen. Die DDP verlor erheblich und erhielt noch 5 Sitze, die DVP zog mit 6 Mandaten neu ein, die Liste „Haus- und Grundbesitz“ erhielt 4 Sitze, wie auch die DNVP. Die KPD erhielt 2 Sitze wie auch die USPD.
In dieser Wahlperiode saßen drei Frauen im Stadtparlament: Gertrud Mann (DNVP) und Emilie Weber (SPD) wurden direkt gewählt. Adele Friedrich (DDP) rückte im Juni 1922 nach. Mit drei weiblichen von insgesamt 36 Stadtverordneten lag der Frauenanteil bei 8,3 Prozent.

Stadtverordnetenwahl 1924

Für die Wahl am 16. November 1924 taten sich die konservativen Kräfte zu einer „Liste Volksgemeinschaft“ zusammen und errangen 15 Sitze. Die SPD wurde mit 16 Sitzen knappe Wahlsiegerin. Die KPD erhielt einen Sitz, die DDP vier Sitze. Von insgesamt elf kandidierenden Frauen erhielten fünf ein Stadtverordnetenmandat: Gertrud Mann und Margarete Pinkau für die „Liste Volksgemeinschaft“, Angela Schwerdtfeger und Emilie Weber für die SPD und Hildegard Arendt für die DDP.

Stadtverordnetenwahl 1927

Bei der Wahl am 27. November 1927 errang die SPD wieder die meisten Sitze (15). Die bürgerliche Einheitsliste erhielt elf Sitze, die Liste „Bodenreformer“, die DDP und die KPD jeweils zwei, die Liste „Haus- und Grundbesitzer“ vier Sitze. Wenngleich wieder fünfzehn Frauen unter den Kandidierenden waren, veränderte sich ihr Anteil in der Stadtverordnetenversammlung nicht wesentlich. Dies lag auch daran, dass die KPD, die mit sechs Frauen die meisten pro Liste aufgestellt hatte, nur wenige Stimmen erhielt, sodass keine ihrer Kandidatinnen Stadtverordnete wurde. Es zogen vier Frauen direkt in das Stadtparlament ein: Gertrud Mann für die „Einheitsliste“, Helene Blosfeld und Emilie Weber für die SPD und Margarete Pinkau für die „Haus und Grundbesitzer“. Für die KPD rückte 1928 Helene Meier nach. Für die DDP rückte im Mai 1929 die Ärztin Dr. Eva-Maria Seebohm-Rauh nach. 

Stadtverordnetenwahl 1931

Bei der letzten demokratischen Stadtverordnetenwahl in Anhalt am 25. Oktober 1931 kandidierten am meisten Frauen: insgesamt zwanzig auf allen Listen außer der nationalsozialistischen. Die meisten, neun Frauen, kandidierten für die Kommunistische Partei (KPD). Es war jedoch nur Helene Meier auf dem zweiten Platz so gut platziert, dass sie ein Mandat erhielt. Bei dieser Wahl konnte die nationalsozialistische NSDAP triumphieren und erhielt auf Anhieb 15 Sitze im Dessauer Stadtparlament. Die SPD verlor ihre Mehrheit und verfügte noch über 13 Sitze. Die Liste „Haus- und Grundbesitz“ und der „Nationale Block“ erhielten jeweils zwei Sitze. Die KPD errang vier Sitze. Drei Frauen zogen erneut ins Stadtparlament ein: Helene Blosfeld (SPD), Helene Meier (KPD) und Margarete Pinkau (Haus- und Grundbesitzer).

 

Quelle:

- Bärbel Reuter/Günter Ziegler: 100 Jahre Stadtverordnete in Dessau. Biographische Skizzen, hg. von der Stadt Dessau/Museum für Stadtgeschichte Dessau, Dessau 1998
- Anhalter Anzeiger

Letzte Änderung: 24.01.2026 -
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