Weibliche Stadtverordnete in Wernigerode

Wernigerode war zur Zeit der Weimarer Republik die Kreisstadt des Kreises Wernigerode in der Preußischen Provinz Sachsen (Regierungsbezirk Magdeburg). Sie hatte 1925 knapp 20 Tausend Einwohner:innen. Die Kleinstadt wurde in den 1870er Jahren an des Eisenbahnnetz angebunden und erfuhr einen industriellen Aufschwung. Kernindustrien waren unter anderem der Maschinenbau und die Baustoffherstellung. Außerdem war die am Harz gelegene Stadt schon durch Tourismus geprägt. 

Stadtverordnetenwahl 1919

Zur ersten Stadtverordnetenwahl in Wernigerode am 23. Februar 1919 kandidierten auf zwei  Listen jeweils zwei Frauen. Beide Listen waren vermutlich überparteiliche Zusammenschlüsse. Die Liste Niewerth erhielt fast alle Stimmen, sodass alle 30 Kandidierenden ein Stadtverordnetenmandat erhielten. Somit zogen die ersten zwei Frauen ins Wernigeröder Stadtparlament ein: die Schulleiterin Gustava Frantz, die dem bürgerlichen Spektrum zuzuordnen ist, und die Sozialdemokratin Pauline Wilke. Der Frauenanteil lag bei knapp 7 Prozent.

Stadtverordnetenwahl 1924

Zur Stadtverordnetenwahl am 4. Mai 1924 kandidierten auf vier Listen insgesamt sieben Frauen auf unterschiedlich aussichtsreichen Plätzen. Die SPD stellte wieder Pauline Wilke auf, die auf dem vorderen Platz 4 sehr gut platziert war. Auf Platz 12 stand Minna Großhennig, die kein Mandat erhielt. Die KPD stellte ebenfalls aussichtsreich Käthe Willecke auf Platz 4 auf und auf Platz 11 kandidierte Martha Wenzel. Die bürgerliche Liste „Gemeinwohl“ ging ebenfalls mit zwei Frauen in die Wahl, die jedoch auf Platz 18 (Katharine Voigt) und Platz 24 (Dorothea Spilcke) wenig aussichtsreich platziert waren. Katharine Voigt und Dorothea Spilcke waren im Hausfrauenverein zu Wernigerode aktiv und hierüber in die kommunalen Organisationsstrukturen eingebunden. Sie erhielten jedoch kein Stadtverordnetenmandat. Die Liste „Völkisch-sozialer-Freiheitsblock“ hatte ebenfalls eine Frau aufgestellt. Wahlsiegerin war die bürgerliche Liste "Gemeinwohl" mit 13 Sitzen,  gefolgt von der sozialdemokratischen Liste, die 8 Sitze erhielt. Die KPD erhielt 4, der "Völkisch-soziale Freiheitsblock" 3 Sitze. Erneut erhielten zwei Frauen in Stadtverordnetenmandat: die Sozialdemokratin Pauline Wilke und die Kommunistin Käthe Willecke.

Stadtverordnetenwahl 1929

Für die Wahl am 17. November 1929 sind bisher noch nicht alle Kandidierendenlisten bekannt. Die rechtskonservativ aufgestellte Liste „Stadtwohl“ basierte auf dem Zusammenschluss mehrerer Organisationen aus dem Spektrum der rechtskonservativen, nationalistischen und republikfeindlichen Kräfte. Darunter waren auch mehrere Frauenorganisationen: der Deutsch-evangelische Frauenbund, die Frauengruppe der DNVP und der Bund Königin Luise. Dem gegenüber stand eine liberal aufgestellte Liste "Bürgerblock", auf der Charlotte Niemann als Vorsitzende des Wernigeröder Hausfrauenvereins auf Platz 7 kandidierte. Bei dieser Wahl fand ein politischer Umschwung statt und die SPD wurde stärkste Kraft. Sie erhielt 11 Sitze, die Liste „Stadtwohl“ 6, der „Bürgerblock“ 4. Die NSDAP erhielt 5 Sitze und war damit erstmalig im Stadtparlament Wernigerode vertreten. Die Liste „Rößchenrode“ erhielt einen Sitz, ebenso die KDP. Die „Mieterliste“ ging leer aus. Von den insgesamt 28 Sitzen ging nur einer an eine Frau: Martha Boehm, die für die Liste „Stadtwohl“ kandidiert hatte. Die SPD hatte keine Frau auf einem aussichtsreichen Platz aufgestellt. Damit lag der Frauenanteil im Stadtparlament nur noch bei ca. 3,5 Prozent.

Stadtverordnetenwahl 1933

Zur Wahl am 12. März 1933 wurden vier Listen aufgestellt. An der reichsweiten Politik orientiert, stellten die rechtskonservativen Kräfte eine kommunale Liste „Kampffront Schwarz-Weiß-Rot“ auf, für die die Stadtverordnete Martha Boehm erneut kandidierte. Ihr aussichtsreicher vierter Platz ermöglichte, dass sie erneut in das Stadtparlament einzog – als einzige Frau von insgesamt sechs, wovon drei für die Arbeiterparteien KPD und SPD kandidiert hatten. Die NSDAP siegte mit 16 Sitzen, gefolgt von 7 sozialdemokratischen Stadtverordneten, einem KPD-Sitz und vier für die Kampffront Schwarz-Weiß-Rot. Die kommunistischen Mandate wurden durch die nationalsozialistische Reichsregierung noch im März annulliert und die SPD im Juni 1933 verboten. Während die nationalsozialistische Diktatur errichtet und die demokratischen Strukturen auch auf kommunaler Ebene zerstört wurden, nahm Martha Boehm ihr Stadtverordnetenmandat noch bis in den Oktober 1933 hinein wahr.

 

 

Quellen:
- Stadtarchiv Wernigerode:  WR II / 9727 Stadtverordnetenwahl 1919; WR II / 9723 Protokollbuch der Stadtverordnetenversammlung 1919-1924
- Wernigeröder Zeitung und Intelligenzblatt

Letzte Änderung: 24.01.2026 -
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