Weibliche Stadtverordnete in Wittenberg
Wittenberg, erst seit 1938 offiziell Lutherstadt Wittenberg, war zur Zeit der Weimarer Republik verwaltungsrechtlich ein Stadtkreis im Regierungsbezirk Merseburg der Preußischen Provinz Sachsen.
Im 19. Jahrhundert wurde Wittenberg zur Garnisonstadt und dadurch militärisch geprägt. Die Industrialisierung setzte intensiv seit den 1890er Jahren ein, was mit einem großen Bevölkerungswachstum einherging. 1922 wurde Wittenberg eine kreisfreie Stadt. Sie blieb auch Verwaltungssitz des Landkreises Wittenberg. 1925 zählte die Stadt 23.426 Einwohner:innen.
Stadtverordnetenwahl 1919
Zur ersten demokratischen Wahl des Stadtparlaments in Wittenberg am 23. Februar 1919 kandidierten auf vier Listen insgesamt acht Frauen. Es siegten die Vereinigten Wirtschaftsverbände mit 18 von 36 Stadtparlamentssitzen, gefolgt von der SPD mit 13, während die "Liste Bickel" noch fünf Sitze errang. Die SPD hatte die für sie kandidierenden Frauen Marie Müller und Luise Tominski so gut positioniert, dass sie beide direkt ins Stadtparlament gewählt wurden. Außerdem zog Lucie Schleese für die Vereinigten Wirtschaftsverbände in die Stadtverordnetenversammlung ein. Mit drei direkt gewählten Frauen lag der Frauenanteil im ersten demokratisch gewählten Stadtparlament Wittenbergs bei relativ hohen 8,3 Prozent.
Stadtverordnetenwahl 1924
Bei der zweiten Stadtverordnetenwahl am 4. Mai 1924 siegten zu gleichen Teilen die „Bürgerliche Mieter- und Arbeitnehmerliste“ und die „Liste Naumann“ – letztere hatte keine Frauen aufgestellt – mit jeweils 11 von 30 Stadtverordnetensitzen. Auf die KPD entfielen sechs und auf die SPD und die Deutsch-Völkische Freiheitspartei jeweils nur ein Sitz. Nach Direktwahl 1924 war keine einzige Frau im Wittenberger Stadtparlament. Dies änderte sich jedoch Anfang des Jahres 1925, als Marie Schröter für die KPD nachrückte.
Stadtverordnetenwahl 1929
Zur Wahl am 17. November 1927 fragmentierten sich die politischen Bündnisse in der Stadt noch mehr. Dieses Mal standen sieben Listen zur Wahl, fünf davon stellten keine einzige Frau auf. Am aussichtsreichsten platziert war die Stadtverordnete Marie Schröter für die KPD auf dem Listenplatz zwei. Sie zog somit diesmal durch Direktwahl und als einzige Frau erneut in die Stadtverordnetenversammlung ein.
Die meisten Sitze erhielt die konservative „Liste Bodenständiger Bürgerblock und Erwerbstätige Steuerzahler“ mit acht von 30 Stadtverordnetenmandaten. Es folgte die KPD mit sechs Sitzen, die „Unpolitische Liste“ und die „Bürgerliche Wirtschaftsliste“ mit jeweils vier, die „Bodenreformer“ erhielten so wie die SPD drei Sitze, die NSDAP zwei. Der Frauenanteil lag bei niedrigen 3,3 Prozent.
Stadtverordnetenwahl 1933
Im März 1933 wurde keine Frau mehr ins Wittenberger Stadtparlament gewählt. Die NSDAP erhielt mit 14 von 30 Sitzen zwar nicht die absolute Mehrheit, aber mit Abstand die meisten Sitze im Stadtparlament. Die SPD kam auf drei, die KPD auf fünf Sitze. Die Kampffront Schwarz-Weiß-Rot erzielte drei Sitze, ebenso der Bürgerblock, und die „Parteipolitisch neutrale Liste“ zwei. Unter den gewählten Stadtverordneten waren keine Frauen.

Quellen:
- Stadtarchiv Wittenberg: 135-99 Wahl und Einführung der Stadtverordneten 1919-1920; 136-100, Wahl und Einführung der Stadtverordneten 1918-1933
- Wittenberger Tageblatt
